|
Depressionen - Wenn die Seele um Hilfe ruft
Bei der Depression sind bestimmte Gehirnfunktionen verlangsamt. Doch 70 % der Patienten kann geholfen werden.
Dr. Horst Esslinger, Chefarzt der Hochgrat-Klinik für Psychosomatische Medizin in Wolfsried, beantwortet Ihre Fragen.
Das kennt jede Frau: Plötzlich rutscht man in ein Stimmungstief, aus dem man allein nicht mehr herausfindet. Lesen Sie, wie Sie die Krise als Chance zur Veränderung begreifen und sich bald wieder besser fühlen
Gerade noch schien in Ihrem Leben die Sonne. Sie hatten alles im Griff. Dann plötzlich kommen unerwarteter Liebeskummer, die ersten Symtome der Wechseljahre oder ein Streit mit Ihrer besten Freundin. Und plötzlich ist es, als ob ein Schalter umgelegt würde. In der Seele wird es Nacht. Sie fühlen sich traurig, müde und erschöpft. Sie wollen mit niemandem mehr reden, können sich zu nichts aufraffen. Nehmen Sie diese Symptome ernst. Ihre Seele ruft um Hilfe. Damit aus Traurigkeit und Kummer keine ernsthafte Depression wird, können Sie vieles für sich tun!
So erkennen Sie die Warnsignale
Depression ist ein Ruf nach Hilfe – und wird von nahe stehenden Menschen sofort gespürt. "Die Haltung des Depressiven verändert sich", sagt Dr. Esslinger, "Gefühle werden nicht gezeigt, die kommunikation bricht ab: der Depressive reagiert mit Rückzug und klagt oft über verschiedene körperliche Beschwerden. Sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt, wenn Sie den Verdacht haben, dass ein Familienmitglied an einer Depression leidet. Den Depressiven selbst von einer Therapie überzeugen zu wollen, bewirkt oft das Gegenteil! In der Hochgrat-Klinik werden die Familie oder nahe stehende Menschen für eine Woche eingeladen und in den Heilungsprozess mit einbezogen:
Infos unter der E-Mail-Adresse: : info@hochgrat-Klinik.de oder Tel.: 0 83 86 / 20 72.
Woran kann ein Mensch erkennen, dass er depressiv ist – und nicht nur gerade ein Stimmungstief hat?
Die Übergänge sind meist fliessend: Unruhe, Ermüdung, Schwäche, Niedergeschlagenheit – damit beginnt es oft. Manchmal kann eine solche Krise durchaus heilsam sein. Sie zeigt, dass wir uns mehr um unsere eigenen Bedürfnisse kümmern und besser darauf achten müssen, was uns gut tut – und was nicht.
Was hilft bei einem solchen Seelentief?
Zunächst ist ein gut strukturierter Tagesablauf sehr wichtig – auch, wenn das vielleicht gerade dann schwer fällt. Ein Freund oder Familienmitglied kann viel an Unterstützung leisten und dazu ermutigen, Neues auszuprobieren. Wir tun das auch hier in der Klinik: Menschen zur Selbsthilfe zu motivieren und dazu, sich in einer solchen Situation nicht abzuschotten! Das beginnt morgens mit einer Meditation, gemeinsamer Gymnastik, dann gehen wir raus in die Natur. Gesunde Ermährung ist ebenfalls hilfreich. Untersuchungen haben bewiesen, dass solche positiven Erlebnisse die Gehirnfunktionen positiv beeinflussen.
Was kann man für die Seelenpflege tun?
Es tut gut, in Gesprächen mit Freunden, mit der Familie den Schmerz, der in der Seele feststeckt, anzusprechen. Vorträge anzuhören, eventuell eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen. Ich empfehle alle Dinge, die aus der inneren Vereinsamung herausführen und mit der Frage konfrontieren: Was macht mich so traurig, warum bin ich so niedergeschlagen? Und was kann ich verändern, um die Situation, die mich so quält, zu verwandeln?
Sollte man zum Arzt gehen, wenn man sich traurig und niedergeschlagen fühlt – und wenn ja, zu welchem?
Es ist in jedem Fall gut, mit dem Hausarzt darüer zu sprechen. Er kann beurteilen, welche Massnahmen notwendig sind. Viele Depressionen werden jedoch nicht erkannt: oder sie werden mit Medikamenten behandelt. Doch ohne eine Therapie, die auch den seelischen Ursachen auf den Grund geht, machen Medikamente allein wenig Sinn. In den Arztpraxen laufen gerade Aufklärungskampagnen, um Depressionen rechtzeitig aufzudecken.
Sport und Bewegung machen nicht nur Spass, sie bringen auch die Gehirnfunktionen buchstäblich auf eine andere Wellenlänge.
Wie erkennt man, dass man professionelle Hilfe braucht – z.B. eine Psychotherapie?
Wenn alle Versuche, wieder Freude, Zuversicht, Hoffnung zu empfinden, nicht fruchten. Für einen depressiven Menschen ist dieses Eingeständnis allerdings besonders schwer, weil er glaubt, dass er es unbedingt allein schaffen muss. Er kommt gar nicht auf die Idee, dass er um Hilfe bitten kann und dass andere Menschen für ihn da sind – und nicht nur er für andere.
Freunde, die gut zuhören und Sie unterstützen, helfen, den grossen inneren Druck der Depression abzubauen.
Wie beginnt die Krankheit der Depression?
Mit dem Gefühl, nichts wert zu sein. Einem grossen Verlassenheitsgefühl, in dem man glaubt, man müsse immer viel leisten, sich opfern – aber genau das einfach nicht mehr schafft. Eine tiefe Hoffnungslosigkeit ergreift den Kranken. Im schlimmsten Fall hat er Selbstmordgedanken.
Schreiben sie sich Ihren Kummer von der Seele. Die heilsame Wirkung ist nachgewiesen.
Kann man dieses Gefühl durchbrechen?
Im Anfang schon. Wichtig ist, allen Druck von dem Betroffenen zu nehmen, ihn wirklich spürbar zu entlasten. Das geschieht auch u.a. dadurch, dass man ihm rät, sich Hilfe zu holen.
Was geschieht in einer Therapie?
Es geht darum, für festgefahrene Verhaltensweisen und Denkmuster, die in die Depression geführt haben, andere, bessere Strategien einzuführen.
Was lernt man?
Dass es mehr Möglichkeiten gibt als die verletzende Enge, die ein depressiver Mensch kennt. Der Horizont seiner persönlichen Möglichkeiten weitet sich. Er kann sich öffnen, seinen Platz in der Welt wiederfinden und vor allem Nähe und Hilfe zulassen.
Wie viele Menschen leiden an Depressionen?
Ungefährt 15 bis 17 Prozent im Laufe ihres Lebens.
Muss man während der Therapie Medikamente nehmen?
In manchen Fällen schon. Sie sind heute viel besser erforscht als noch vor einigen Jahren, man weiss mehr über die Mechanismen im Gehirn.
Was bewirken Psychopharmaka?
Sie entlasten, wenn das Denken total eingefahren oder der Patient restlos erschöpft ist. Andere wiederum aktivieren die Lebensfreude und wirken stabilisierend.
Quelle: Frau im Spiegel
Idee: Team Depash
|